Klaus Vogel: „Qualität statt Quantität“
von Klaus Vogel, Realschule Osterburken
Textnummer: 029203
Erstellt am 2004/11/18, zuletzt geändert am 2008/09/02
Vor dem Hintergrund seiner zweiten Kandidatur als Programmkoordinator des Internationalen Jugendprogramms in Deutschland hielt Klaus Vogel bei der Mitgliederversammlung des Trägervereins am 21. März 1998 auf Schloss Zeil die folgende Rede.
Vor dem Hintergrund seiner zweiten Kandidatur als Programmkoordinator des Internationalen Jugendprogramms in Deutschland hielt Klaus Vogel bei der Mitgliederversammlung des Trägervereins am 21. März 1998 auf Schloss Zeil die folgende Rede.
Im Folgenden möchte ich einige zum Teil persönliche Dinge zum Jugendprogramm loswerden. Es soll Ihnen helfen, die Vergangenheit besser zu verstehen und die Zukunft besser planen zu können. Es handelt sich um keine Leistungsbilanz; diese wurde zur „jüngeren“ Geschichte des Programms in Deutschland zur Versammlung in Coburg erstellt und liegt zum Jahr 1997 im „Arbeitsbericht“ vor. Ansonsten verweise ich auf NETZWERK. An einigen Stellen überzeichne ich etwas, um Dinge klarer machen zu können.
Jüngere Vorgeschichte
Erlebnispädagogik ist hierzulande erst seit wenigen Jahren „in“ (nicht zufällig ist das „Deutsche Jugendabzeichen“, unsere jüngst entdeckte „ältere Vorgeschichte“, in den 80ern gescheitert). So war Kurt Hahn für mich (ich muss dies zu meiner Beschämung zugeben: obwohl ich gelernter Pädagoge bin und Jugendarbeiter seit meiner Zeit in der Katholischen Landjugend) bis Anfang der neunziger Jahre nur einer von vielen „Reformpädagogen“ – Gründer des berühmten Salemer Internats, von dem man aber schon als „Badener“ gehört hatte. Von den „Kurzschulen, die im Zusammenhang mit Hahn immer wieder genannt wurden (wie ich heute weiß, sozusagen ein „Nebenprodukt“ des Ur-Programms), wusste ich so gut wie nichts und vom Jugendprogramm überhaupt nichts.
Das änderte sich 1991 – nicht über meine berufliche Tätigkeit, sondern über meinen ehrenamtlichen Einsatz in der Jugendarbeit (vieles, was im Lehrerberuf wichtig ist, habe ich in der Jugendarbeit gelernt). In der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg, deren Leiter ich seit 1986 war, begann zu diesem Zeitpunkt eine „Selbstverständnis-Diskussion“, bei der sich („Zurück zu den Quellen!“) bald herausstellte, dass Kurt Hahn auch der eigentliche Ideengeber bei der Gründung der Deutschen Jugendfeuerwehr 1964 war – eine leider ziemlich verschüttete Tradition. Innerhalb der Vorbereitungen für den 1993 anstehenden 20. Geburtstag der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg kam dann außerdem heraus, dass die älteste Gruppe im Land die 1947 gegründete Internatsfeuerwehr war (ich war letztes Jahr Redner beim 50. Jubiläum). Auf der „Didakta“ in Stuttgart begann schließlich praktisch gleichzeitig mein Kontakt zu Outward Bound, wo wir 1993 die ersten Lehrgänge besuchten.
Ende 1992 stießen wir in einem von Hermann Röhrs 1966 herausgegebenen Band zu Kurt Hahn zum ersten Mal auf das Jugendprogramm. Wir hatten keine Ahnung, dass es das Programm tatsächlich irgendwo auf der Welt geben sollte und überlegten, wie wir es – ganz für uns allein! – in der Jugendfeuerwehrarbeit einsetzen könnten. Da tauchten bei einem Europatreffen der Jugendfeuerwehren im Frühjahr 1993 völlig unerwartet britische Vertreter aus Birmingham auf (wir wussten nicht, dass es in UK überhaupt Jugendfeuerwehren gab – wozu auch, bei lauter Berufsfeuerwehren!). Diese erzählten uns, dass es dass Programm tatsächlich gibt, sie es selbst ausführten und sogar (ähnlich wie die Internatsfeuerwehr) ein Produkt dieses Programms seien. Jugendliche hatten die Feuerwehr als Möglichkeit für ihren Dienst gewählt und wollten danach aber weitermachen…
Wir stoppten unsere Gedanken um ein eigenes Programm und kamen über die britische Botschaft (die britischen Freunde waren uns nicht schnell genug) schon kurz darauf in Kontakt mit dem Internationalen Sekretariat. Die praktische Programmarbeit nahmen wir an der Realschule im Herbst 1993 auf, zunächst als Anbieterstelle der Jugendfeuerwehr (!).
Spreu und Weizen
Ich war (für die Jugendfeuerwehr) deshalb im Dezember 1993 auch beim Treffen der ersten Programmanbieter und Interessenten im Britischen Generalkonsulat in München vertreten, mit dem der Aufbau eines deutschen Programms eingeleitet werden sollte. Unsere vielleicht zu hohen Erwartungen wurden aber maßlos enttäuscht – die deutschen Vertreter, insbesondere aus Nürnberg, hatten keine Ahnung vom Programm, und das Internationale Sekretariat – so schien es zumindest – keine Ahnung von der deutschen Situation. Was tun? Wir entschieden uns trotz allem für den neuen Zusammenschluß – um für unsere Programmarbeit vor Ort entsprechende Rückendeckung zu haben. Die Zeit würde Spreu und Weizen schon trennen.
Auch mein persönliches Engagement im Verein, der schließlich nach hartem Ringen im Juni 1994 hier in Zeil gegründet wurde, hatte nur den Zweck, dem zarten Pflänzchen Jugendprogramm, das wir eben mit großem Aufwand in den Boden gebracht hatten, das Überleben zu sichern. Ich wollte eigentlich 1994 nach acht Jahren Verantwortung (am Schluss immerhin für 20.000 Jugendliche in 1.000 Gruppen) kürzer treten, aber die Situation ließ dies leider nicht zu. Auf Dauer war eine gute Jugendprogrammarbeit vor Ort nur innerhalb eines intakten Gesamtprojekts zu sichern. Die Jugendfeuer stellte also notgedrungen ihr Büro, und ich meine Freizeit zur Verfügung…
Dass es heute diesen Druck nicht mehr gibt, weil sich Spreu und Weizen getrennt haben, ist der wichtigste Fortschritt seit der Vereinsgründung – wichtiger als alle Anerkennungen oder die Tatsache, dass die Versammlung heute zum ersten Mal wirklich ein Bundesprojekt repräsentiert. Es gibt ein deutsches Programm, beschrieben im neuen Handbuch, das in Zukunft gemeinsam vertieft und weiterentwickelt werden wird.
Ungleichmäßigkeit
Die Entwicklung des Programms in einem Land unserer Größe ist natürlicherweise zunächst durch eine große Ungleichmäßigkeit gekennzeichnet, die für den Herausgeber eine ganz besondere Herausforderung darstellt. Da gibt es „alte“ Einrichtungen, die bereits nach wenigen Jahren soweit sind, hier mit erfolgreichen Goldteilnehmern vertreten zu sein – aber auch andere, die noch mit der Bronzestufe ihre Probleme haben. Und auf der anderen Seite gibt es die „Neuen“ (1997: vier), die bereits nach kurzer Zeit eine Jugendprogrammarbeit leisten, von der auch alte Hasen noch einiges lernen können. Der Herausgeber muss für alle mit Arbeitshilfen und Lehrgängen da sein und darf insbesondere über die Hilfestellung für die „Fortgeschrittenen“, von denen natürlich ein großer Druck ausgeht, die anderen nicht vergessen, die ja nicht aus Jux und Tollerei langsamer sind, sondern eben andere Bedingungen haben.
Eine völlig andere, lösbare Ungleichmäßigkeit betrifft die Zusammenarbeit zwischen Koordinationsbüro und Anbietern. Mit vielen Gruppen haben wir inzwischen wöchentlichen, mindestens aber monatlichen telefonischen oder schriftlichen Kontakt, erhalten regelmäßig Presseausschnitte oder andere Informationen und sie nehmen immer wieder an Lehrgängen teil. Aber andere stehen sehr auf der Seite, und wir sind froh, wenn der jährliche Austausch über die Statistik funktioniert. Hier werden wir in Zukunft Gespräche führen.
Qualität statt Quantität
Dieser Grundsatz für die praktische Arbeit gilt meines Erachtens auch für die Weiterentwicklung des deutschen Programms. Wichtiger, als in die Fläche zu gehen (diese ergibt sich von selbst und manchmal mehr als gut ist), ist die Tiefe, qualitativ hoch stehende Programmarbeit vor Ort. Dabei müssen wir helfen, diese müssen wir sammeln und auswerten, und diese müssen wir in der Öffentlichkeit darstellen.
Hierzu ist es insbesondere wichtig, das bisherige fast rein „nordbadische“ Multiplikatorenteam ebenso wie unsere Arbeitshilfen und Lehrgänge zu einer wirklich bundesweiten Sache zu machen, so schwierig Jugendarbeit auf Bundesebene auch sein mag. Dies ist aber (auch wenn alle finanziellen Probleme gelöst wären), der einzige in Deutschland gangbare Weg: das Jugendprogramm seid ihr!



