Programm und Zeit: Thesen
von Klaus Vogel
Textnummer: 729404
Erstellt am 2011/11/12, zuletzt geändert am 2011/11/12
Das Programm braucht Zeit, enthält aber auch das Instrumentarium, den Zeiteinsatz zu optimieren. Möglichkeiten für „Zeiten der Stille“ im Sinne Hahns bietet das Programm vor allem im Programmteil Expeditionen. Auch beim Motto „Du kannst mehr als du glaubst“ geht es um die Zeit: ausgehend von einer grundlegenden menschlichen Erfahrung verspricht es dem Teilnehmer „mehr davon“ in der Zukunft und lädt zur Teilnahme ein.
von Klaus Vogel
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Das Programm braucht Zeit, enthält aber auch das Instrumentarium, den Zeiteinsatz zu optimieren. Möglichkeiten für „Zeiten der Stille“ im Sinne Hahns bietet das Programm vor allem im Programmteil Expeditionen. Auch beim Motto „Du kannst mehr als du glaubst“ geht es um die Zeit: ausgehend von einer grundlegenden menschlichen Erfahrung verspricht es dem Teilnehmer „mehr davon“ in der Zukunft und lädt zur Teilnahme ein.
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In der Schule aber ist Zeit und Stille und Raum; Zeit für jede Entwicklung, Stille für jede Stimme, Raum für das ganze Leben und alle seine Werte und Dinge.
Rainer Maria Rilke, 1905
1. Zeitbedarf und Zeitquellen
Das Programm braucht Zeit, um wirken zu können – von Teilnehmern, Betreuern und Organisationen, die es in ihrer Arbeit mit jungen Menschen einsetzen. Nicht zufällig spielen Zeitvorgaben auf allen drei Ebenen eine so wichtige Rolle (auch wenn sie nicht immer so explizit wie bei der Teilnahme definiert sind). Es gilt das „Leistungsgesetz“: Je mehr man gibt, desto mehr bekommt man auch zurück!
Zeit ist andererseits aber auch überall die knappste Ressource. Die Dauerfrage ist deshalb auf allen drei Ebenen immer und immer wieder: „Wie lässt sich der notwendige Zeitaufwand bewerkstelligen?“ Verdächtig oft ist diese Frage von Teilnehmern beim Übergang von einer Programmstufe auf die nächste zu hören…*)
Die Lösung liegt darin, dass
Teilnehmer „Zeitfresser“ reduzieren, vorhandene Aktivitäten weiterentwickeln, an Ganztagesschulen außerunterrichtliche Angebote nutzen und vor allem nach dem persönlichen Tempo arbeiten;
Betreuer den Selbstbildungs- und Selbstverantwortungsaspekt im Sinne des dritten Salemer Gesetzes noch viel stärker umsetzen – z.B. durch Schülermentorensysteme;
Organisationen den Programmaufbau inklusive des Teams langsam und Schritt für Schritt im Rahmen eines langfristigen Prozesses betreiben: Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden!
2. Zeiten der Stille („Lange Weile“)
Im Zeitalter des allgegenwärtigen Internet hat das 4. Salemer Gesetz „Sorgt für Zeiten der Stille“ eine besondere Bedeutung erhalten: „Wenn die heutige Generation nicht früh die Fähigkeit zu Ruhe und Besinnung erwirbt und einübt, wird sie schnell und vorzeitig erschöpft sein von der Nerven zehrenden und zerrüttenden Zivilisation der Gegenwart.“
DER „Stillebereich“ des Programms ist der Programmteil Expeditionen. Heutzutage gehört die Abnabelung von Mobiltelefon und/oder so genanntem „sozialem Netzwerk“ zur oft notwendigen Propädeutik der Expedition, in der Naturaspekte wie Abgelegenheit, Kälte, Stille erstmals erfahr- und genießbar gemacht werden müssen.
Reflexionssitzungen, Lehrgangsteilnahmen und viele andere Anlässe bieten aber noch einen viel breiteren Rahmen dafür, „Zeiten der Stille“ in all ihren graduellen Abstufungen in der Programmarbeit zu implementieren und so „die Fähigkeit zu Ruhe und Besinnung“ einzuüben.
Das Programm kann aber auch System und damit „Ruhe“ im übertragenen Sinn in das Portfolio der Organisation bringen (und nicht zusätzliche „Unruhe“!), indem – bildhaft gesprochen – einer bereits unübersichtlich werdenden Zahl von Kugeln am „Aktivitäten-Christbaum“ nicht einfach eine weitere, ggf. besonders große oder strahlende, hinzugefügt wird. Schlüssel hierfür ist eine wirklich tiefe Verankerung der Programmarbeit im Leitbild der Organisation und eine tatsächlich enge Verzahnung mit deren Portfolio und Ressourcen.
3. Plus est en vous!
„Plus est en vous!“ ist gleichzeitig eine Erfahrung, ein Versprechen und eine Einladung und damit auf Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart bezogen.
Erfahrung: Das Motto beschreibt eine einfache menschliche Erfahrung und ist deshalb allen jungen Menschen eingängig. „Ja, das habe ich auch schon erlebt“ ist eine typische Reaktion bei einer entsprechenden Reflexion zum Thema. Das Bewußtmachen dieser Fähigkeit ist kein Selbstzweck, sondern stärkt das Selbstvertrauen, das für die Entwicklung eines herausfordernden persönlichen Programms benötigt wird.**)
Versprechen: Im Motto wird die Entdeckung bisher unbekannter persönlicher Qualitäten durch die Teilnahme am Programm versprochen – und zwar nach dem eingangs zitierten „Leistungsprinzip“. Die notwendige Glaubwürdigkeit erhält das Teilnahmeversprechen durch den nachweislichen Erfolg, die öffentliche Verpflichtung der Organisation und insbesondere die Persönlichkeit und den Einsatz der Betreuer.
Einladung: Auch ohne Ausrufezeichen ist das Motto aber vor allem eine Einladung zum Mitmachen – und zwar jetzt (oder vermutlich nie…)! Wie jede Einladung muss auch die zur Programmteilnahme „passen“: zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, den richtigen Rahmen haben, von den richtigen Personen ausgesprochen werden usw. – eben auch wirklich „einladend“ sein. Vgl. hierzu im Detail die Ausführungen zum Marketing.
Das Motto ist somit der Kompass nicht nur für die Gestaltung der persönlichen Teilnahmeprogramme, sondern für die Programmarbeit insgesamt. Um die notwendige Hilfestellung leisten zu können, müssen die Betreuer seine Bedeutung tief verstanden haben – und die Organisationen die notwendige Zeit für die Betreuerausbildung und die persönliche Begleitung der Teilnehmer bereitstellen.
Jeder Junge und jedes Mädchen hat eine „grande passion“, die oftmals verborgen und bis ans Lebensende unerfüllt bleibt. Der Erzieher kann nicht darauf hoffen und darf nicht versuchen, sie durch psychoanalytische Methoden herauszufinden. Die „grande passion“ kann und wird dadurch zutage treten, dass das Kind mit vielen verschiedenen Aktivitäten in enge Berührung kommt. Wenn ein Kind zu sich selbst gefunden hat, wird man oft einen Freudenruf hören oder entzückt sein von einer anderen Äußerung seines elementaren Glücks. Aber solche Aktivitäten dürfen nicht den Überbau bilden für einen ermüdenden Stundenplan. Diese Aktivitäten müssen einen entscheidenden Teil des Gemeinschaftslebens ausmachen, sonst können sie das Kind nicht fesseln und es zu sich selbst finden lassen. (Kurt Hahn, Erstes Salemer Gesetz)
*) Vgl. zu diesem Problem die ausführliche Darstellung in der Kurt-Hahn-Festschrift.
**) Zu oft ist das Ergebnis der Programmteilnahme auf der Bronzestufe unbefriedigend, weil der „Wirkungsmechanismus“ ohne die Selbstanalyse nicht verstanden und zu wenig Zeit investiert wurde.



