Modell für Folgeprojekte. Eine Bilanz von „Highlands ‘96“
von Klaus Vogel
Textnummer: 146802
Erstellt am 2008/07/27, zuletzt geändert am 2008/09/02
Umfang und Qualität der Erfahrungen, die „Highlands ‘96“ bot, machten es zur bisher wichtigsten Veranstaltung für das Internationale Jugendprogramm in Deutschland. Zustande kamen, wie die mündlichen Berichte nach der Tour und das Podiumsgespräch beim Nachtreffen zeigten, „Bilderbuch-Expeditionen“: einsam, herausfordernd, eigenständig.
Umfang und Qualität der Erfahrungen, die „Highlands ‘96“ bot, machten es zur bisher wichtigsten Veranstaltung für das Internationale Jugendprogramm in Deutschland. Zustande kamen, wie die mündlichen Berichte nach der Tour und das Podiumsgespräch beim Nachtreffen zeigten, „Bilderbuch-Expeditionen“: einsam, herausfordernd, eigenständig.
„Können wir nicht noch ein bisschen bleiben?“ In dieser Frage, die gegen Schluss des Begegnungsprojekts „Highlands ‘96“ jeder Teilnehmer in der einen oder anderen Form stellte, kommt deutlich zum Ausdruck, wie die zweiwöchige Veranstaltung im schottischen Hochland von den Jugendlichen bewertet wurde. Die Strapazen der Drei- und Viertagestouren in den wegen des schlechten Wetters nahezu bodenlosen Grampian Mountains waren dabei keineswegs vergessen. „Der Dauerregen und die im Wasser verschwundenen Wege machten unsere Expedition doch erst zu dem einmaligen Abenteuer, das uns wohl so schnell keiner nachmacht…“
Hochzufrieden mit dem Erfolg zeigte sich auch das neunköpfige deutsch-englisch-schottische Betreuerteam. „Wir sind dankbar und stolz darauf, Leiter dieser Maßnahme gewesen zu sein – vor allem, weil die vierte Begegnungsmaßnahme mit dem schottischen Jugendprogramm der Rahmen für die ersten erfolgreichen deutschen Gold-Expeditionen war. Bei der Beaufsichtigung der Touren haben wir aber auch selbst wichtige Erfahrungen gemacht und eine für diese Zwecke ideale Gegend gründlich kennengelernt. Mit Kajak, Segeln und Surfen haben wir eine neue Form des Jugendprogramm-Projekts ausprobiert und haben nicht zuletzt mit der Rannoch School einen interessanten langfristigen Partner gewonnen.“
Die Nachbereitung und insbesondere das Nachtreffen mit fast hundert Teilnehmern Ende Oktober in Osterburken sowie die Nachfragen für das bereits fertig konzipierte Folgeprojekt „Highlands ‘97“ hat diese Bilanz in allen Punkten bestätigt und sogar verstärkt. Umfang und Qualität der Erfahrungen, die „Highlands ‘96“ bot, machten es zur bisher wichtigsten Veranstaltung für das Internationale Jugendprogramm in Deutschland. Eine umfassende Bilanz würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, das Nachtreffen mit Diaporama-Schau, Ausstellung, Sketchen, Podiumsdiskussion etc. kann hier nicht wiederholt werden – „eigentlich müsste man ein Buch schreiben“, so einer der Betreuer. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Rangfolge werden im Folgenden deshalb einige wichtige Erfahrungen nur stichwortartig wiedergegeben.
Einmalige Erfahrung für Jugendliche…
Zielsetzung der Expedition: Den Abenteuer- und Entdeckungsgeist zu fördern.
Alle Unternehmungen sind eigenständige Touren zu Land oder zur Wasser. Sie sind zu einem bestimmten Zweck geplant und werden zu Fuß, mit dem Rad, per Pferd oder in Kanus oder Booten allein durch den körperlichen Einsatz der Teilnehmer durchgeführt. Die Unternehmung muss bezüglich Zielsetzung und Leistung eine angemessene Herausforderung sein.
Die Unternehmung verlangt:
Initiative und Phantasie bei der Planung;
Vorausblick, Sorgfalt und Organisationsvermögen bei der Vorbereitung;
Ausbildung, die dazu befähigt, die Tour in der gewählten Umgebung sicher durchzuführen;
gemeinsame Verantwortung für die Unternehmung, Selbständigkeit und
>Kooperation;<em>Entschlossenheit bei der Durchführung;
Reflexion in Bezug auf die Zielsetzung mit Hilfe eines abschließenden Berichts.
(Beschreibung der Expedition im Helferblatt)
Ganz unabhängig davon, dass alle vier Gruppen ihre Expedition erfolgreich gemeistert haben, war „Highlands ‘96“ eine unvergeßliche Erfahrung für alle Jugendlichen, gerade wegen des schlechten Wetters in den Bergen. Es waren, wie die mündlichen Berichte nach der Tour*) und das Podiumsgespräch beim Nachtreffen zeigten, „Bilderbuch-Expeditionen“: einsam, herausfordernd, eigenständig.
Nachdem wir die Schlucht durchklettert hatten entwickelte sich immer mehr das Wetter zu unserem härtesten Gegner. Es war klar: dagegen hatten wir nur eine Chance, wenn wir uns als Team zusammenraufen… Von Tag zu Tag verbesserte sich unser Team immer mehr, was mir vor allem beim Zeltaufbau und Essenkochen aufgefallen ist… Ich glaube, ich habe die ganze Tour über etwas die Führerrolle übernommen, da ich sehr oft (vor allem morgens) Tempo gemacht habe, immer wieder die Rolle des Schlichters übernommen habe und versucht habe, so gut wie möglich Ordnung in die Aufgabenverteilung zu bringen.
(Aus den Einzelberichten einer Silber-Gruppe)
Das Selbstbewusstsein der Expeditionsteilnehmer (Jugendliche wie Erwachsene) hat sich deutlich vergrößert, in einigen Fällen fast beängstigend. Teilweise wurde die Leistung für so außergewöhnlich gehalten (z.B. „Expeditionen im Allgäu – das ist doch ein Kinderspiel!“), dass gegen gehalten werden musste.
Alle wollen weitermachen: die Silber-Leute mit Gold, die Goldleute als Helfer, die als Aufsichtspersonen bei den Touren eingesetzten letztjährigen Gold-Absolventen im bundesweiten Expeditionsteam.
…und Betreuer
Was für in Bezug auf die Expeditionen zu den Jugendlichen gesagt wurde, gilt gleichermaßen auch für die Erwachsenen. Parallel zu den beiden Gruppenpaaren (je eine Silber- und Goldgruppe) bewegten sich auch zwei Erwachsenenteams von Norden nach Süden bzw. von Süden nach Norden – anders war in den einsamen Highlands eine Überwachung nicht durchzuführen. Unabhängig von diesen beiden deutschen Betreuergruppen war noch das von Chris Moore geleitete schottische „Assessorteam“ im Gelände, das die Leistung der Gruppen begutachtete.
Die Herausforderung war für die Betreuerteams weniger das Wetter und die schwierigen Wege, sondern die Verantwortung für je zwei Gruppen, die ja unabhängig voneinander unterwegs waren. Das führte dann schon mal zu einem 40-Kilometer-Tagesmarsch oder zur Übernachtung im Regen ohne Zelt – aber auch zur Gelegenheit, über Stunden oder Tage ganz allein unterwegs zu sein.
Für den Großteil der deutschen Betreuer war diese Arbeit so etwas wie der Abschluss ihrer praktischen Expeditionen-Ausbildung, „learning by doing“ pur. Dass Jugendliche in einem solchen Wildnisgebiet tatsächlich ohne Erwachsenbegleitung sicher und mit großem persönlichen Nutzen unterwegs sein können, wie notwendig die gründliche Ausbildung und Fitneß der Jugendlichen, die Routenplanung und vor allem die richtige Ausrüstung (Regenschutz!) ist, was es heißt, eine Expedition zu überwachen und nicht zu begleiten, welche unterschiedlichen Aufgaben Aufsichtspersonen und Gutachter haben, wie Gebiete für Gold-Expeditionen beschaffen sein sollten – dies alles konnte praktisch „gelernt“ werden. Auch, was man beim nächsten Mal vielleicht noch besser machen sollte – z.B. eigenes Fitneßtraining anbieten, eigene Regenkleidung zur Verfügung stellen, noch mehr Betreuer mit besserer Verbindung zum Basislager zur Überwachung einsetzen (pro Gruppe ein Team), schwierige Stellen der Routen vorher selbst in Augenschein nehmen.
Erste deutsche Goldgruppen erfolgreich
Einzelne deutsche Jugendliche hatten bereits 1994 (Sea Cadets) und 1995 (Mary Erskine School Edinburgh) erfolgreich an Gold-Expeditionen britischer Gruppen im Allgäu teilgenommen, und einzelne deutsche Betreuer waren auch dabei schon als Aufsichtspersonen oder Gutachter eingeteilt. Nun sollten aber erstmals deutsche Gruppen im Ausland zeigen, was sie konnten bzw. was ihnen beigebracht worden war.
Um die zugrunde liegenden Leistungen würdigen zu können, muss man wissen, dass Expeditionen nach Jugendprogramm-Verständnis in Deutschland außerhalb von Outward Bound und vielleicht einigen Pfadfindern praktisch Neuland waren, und der Aufbau des Jugendprogramms ab 1994 für Trägerverein und Anbieterorganisationen deshalb vorrangig Aufbau dieses Programmteils bedeutete. Im Unterschied zu Dienst, Talente und Fitneß, wo jedem Jugendlichen von Anfang an eine breite Palette an Möglichkeiten zur Auswahl geboten werden konnte, mussten hier die Gruppen selbst aktiv werden.
Der Trägerverein unterstützte diese Arbeit
durch Ausarbeitung und Anbieten (1996 zum zweiten Mal) eines insgesamt achttägigen Expeditionen-Lehrgangs für Betreuer;
durch Ausarbeitung eines Ausbildungskurses für Jugendliche in Form von drei aufeinander aufbauenden Wochenendseminaren (1996 dritter Durchlauf in der Region Neckar-Franken) und
durch Anbieten von offenen Probetouren und Expeditionen auf allen Stufen, auf der Goldstufe gemeinsam mit britischen Partnern.
Mit ihrer Leistung stellten die Gruppen der deutschen Expeditionen-Arbeit ein gutes Zeugnis aus. Nach nur zwei Jahren erfüllt der „Newcomer“ Deutschland in der internationalen Jugendprogrammfamilie deren Qualitätstandards auch im schwierigen Bereich der Expeditionen. „Highlands ‘96“ war deshalb ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft des deutschen Trägervereins im Jugendprogramm-Weltverband, über die Ende Oktober in London entschieden werden wird.
Pilotmaßnahme für zukünftige Projekte in Schottland
Die drei Kernteile des Programms von „Highlands ‘96“ waren jeder für sich erfolgreich und stellen damit eine gute Grundlage für die Folgemaßnahmen 1997 und später dar:
Bei den Expeditionen haben sich die Highlands als ideales Gebiet herausgestellt. Die personelle und resourcenmäßige Unterstützung durch die schottischen und englischen Partner ermöglicht eine sichere Durchführung trotz der besonderen Herausforderung, die Abgelegenheit und Wetter darstellen. Der Helferstamm von 1996 wird bereits im nächsten Jahr trotz einer vermutlich geringeren Zahl deutscher Teilnehmer deutlich verbreitert werden, so dass sich auch die Ortskenntnisse der Deutschen qualitativ und quantitativ verbessern werden.
Genauso gut wie die Expeditionen ist der Teil „Projekt“, d.h. der Wassersport mit Kajak, Segeln und Surfen, bei Jugendlichen und Betreuern angekommen, für die deutsche Seite ein völlig neuer Arbeitsbereich. Musste man sich bei „Highlands ‘96“ hierbei noch eines kommerziellen Anbieters bedienen und deshalb vom Loch Rannoch ans Loch Tay umziehen, werden im nächsten Jahr vor allem durch die britischen Partner eigene Ausrüstung und Ausbilder zur Verfügung stehen. Wegen der Erfahrung der Partner kann dadurch die Qualität des Angebots sogar gesteigert werden…Auch eine Rückwirkung zu den Expeditionen zeichnet sich ab, ggf. 1998 werden die ersten Kajakwanderungen stattfinden.
Schottland ist mehr als die Highlands, und der Besuch in Edinburgh zum Abschluss hat sich als gute Idee erwiesen. Auch die zukünftigen Maßnahmen werden so geplant werden, dass Tattoo und Festival (und die „Royal Mile“…) einen abschließenden Glanzpunkt setzen – auch wenn nicht erwartet werden kann, dass man auch in Zukunft beim Tattoo persönlich begrüßt werden wird.
Dass die „organisatorische Verantwortung“ für ein deutsch-britisches Projekt in Schottland beim deutschen Partner liegt, ist außergewöhnlich, hat sich aber bewährt: der deutsche Trägerverein hat hier besondere Möglichkeiten, die vor allem mit seinem Verbindungsbüo in London zusammenhängen. Auch die Erfahrung des deutschen Teams, das, von Maßnahme zu Maßnahme immer weiter vergrößert, nun bereits bei der vierten deutsch-schottischen Begegnungsmaßnahme beteiligt war, ist sicher wesentlich – es zahlt sich aus, dass der Trägerverein die Zusammenarbeit mit den schottischen Partnern von Anfang als langfristige Aufgabe konzipiert hatte.
„Highlands ‘96“ wird kann deshalb nach einhelliger Meinung aller Beteiligten als Grundmuster für ähnliche Angebote in der Zukunft dienen. „Highlands ‘97“, dessen Grundelemente bereits während der 96-er Maßnahme mit den britischen Partnern vereinbart wurden, ist auf beiden Seiten bereits ausgebucht!
Offene Ausrichtung (Open Gold)
Highlands ‘96 war in Deutschland und im Vereinigten Königreich als eine offene Maßnahme ausgeschrieben, d.h. bei entsprechendem Alter und Vorbereitung konnte jeder interessierte Jugendliche unabhängig von Wohnort und Anbieterorganisation teilnehmen. Während in Deutschland sich wie erwartet nicht nur einzelne Jugendliche, sondern auch ganze Gruppen beteiligten, musste die englische Gruppe leider kurzfristig absagen, so dass aus Großbritannien „nur“ eine Reihe einzelner Jugendlicher beteiligt war. Dadurch ergab sich zumindest anfänglich eine gewisse Unsymmetrie: die britischen Jugendlichen kannten sich gegenseitig nicht, während es keinen deutschen Jugendlichen gab, der nicht mehrere Teilnehmer bereits von Anfang an kannte. Ähnliches gilt auch für die Teilnehmerzahlen beider Länder.
Da es offensichtlich noch einige Zeit dauert, bis man das Projekt ganz auf einzelne Jugendliche aus beiden Ländern aufbauen kann, werden in Folgeprojekte in nächster Zeit deshalb auf beiden Seiten auch Gruppen einbezogen. Für 1997 haben aus Deutschland und Großbritannien bereits je zwei Gruppen zugesagt (Osterburken, Sinsheim, London, Manchester).
*) Vgl. ausführliche Darstellung in der Projektmappe



