Besuch bei den Jugendfeuerwehren der West Midlands
von Klaus Vogel
Textnummer: 148300
Erstellt am 2011/08/25, zuletzt geändert am 2011/08/25, begonnen am 1995/08/17
Ein Meilenstein in der noch jungen Partnerschaft zu den Jugendfeuerwehren der West Midlands war ein Gruppenleiterseminar in der Woche nach Ostern 1995 in Dudley, wo man auch ‚alte’ Bekannte wieder traf.
von Klaus Vogel
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Ein Meilenstein in der noch jungen Partnerschaft zu den Jugendfeuerwehren der West Midlands war ein Gruppenleiterseminar in der Woche nach Ostern 1995 in Dudley, wo man auch ‚alte’ Bekannte wieder traf.
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Diesmal hatte es geklappt. Auf die Ausschreibung (vgl. HYDRANT 5/94) hatte sich eine stattliche Zahl von JF-Gruppenleitern quer durchs Land, alle Altersbereiche und Geschlechter gemeldet. Auch die neue Landesjugendleitung war mit drei Mitgliedern vertreten: die Teilnahme von Bernd Seibold, Andrea Langer und an der Spitze LJFW Hans Peter Schäfer verlieh dem im Vorjahr nicht zustande gekommene Projekt nun fast Chefsachen-Charakter. Die schon ausführliche Beschreibung des Projekts im HYDRANT war von Klaus Vogel, der das Projekt zusammen mit Roger Barnett vorbereitet hatte, noch um eine Materialienmappe für die Teilnehmer ergänzt worden, so daß sich die illustre Truppe gut vorbereitet auf den Weg zu den Partnern von den Jugendfeuerwehren der West Midlands machen konnten. Obwohl das Projekt bereits „Station 7“ in der erst vor zwei Jahren begonnen Beziehung war (Station 8 folgte schon kurz darauf mit dem Besuch einer YFA-Gruppe im Pforzheimer Pfingstzeltlager), brachte es nicht nur für die neu in das Projekt Eingestiegenen wichtige neue Eindrücke und Erkenntnisse.
Doppelfuntion der Jugendfeuerwehr auch in England
Jugendfeuerwehren gibt es in Großbritannien erst seit wenigen Jahren, bisher ist ihre Verbreitung auf England beschränkt (vgl. Liste). Wenn man weiß, daß „Feuerwehr“ im Vereinigten Königreich vor allem eine hauptamtliche Sache ist verwundert dies nicht – eher der Umstand, daß es vor diesem Hintergrund überhaupt zur Gründung von Jugendgruppen gekommen ist. Denn eine Perspektive auf Übernahme in den „aktiven Bereich“ gibt es natürlich nicht, „um Mitternacht vor dem 17. Geburtstag endet die Mitgliedschaft“ (§ 6 Abs. 24 der Satzung; Ausnahmen sind lediglich in beschränktem Umfang möglich, z.B. für die Tätigkeit als Betreuer im nichttechnischen Bereich). In den zahlreichen Gesprächen mit den Verantwortlichen der Berufsfeuerwehr (zu den vorgesehenen Treffen mit den verschiedenen ehrenamtlichen Mitarbeitern ist es leider nur punktuell gekommen) wurden hierfür im wesentlichen zwei Gründe genannt, ein eher „egoistischer“, auf die Arbeit der Feuerwehr selbst bezogener, und ein eher „sozialer“.
Hauptsächlich um einen Beitrag zur Jugendhilfe zu leisten, bieten praktisch alle Berufsfeuerwehren in Großbritannien, also auch in Schottland, Wales und Nordirland, Jugendprogramm-Teilnehmern ein nach Programmstufe differenziertes Kurssystem für den Bereich „Dienst“ an. Mit den Kursen will man aber nicht nur die „Kids in den großstädtischen Problemzonen von der Straße holen“, wie es die Verantwortlichen ausdrücken, sondern in einem teilweise der Arbeit von uniformierten Kräften nicht unbedingt zugeneigten Teil der Bevölkerung praktische Öffentlichkeitsarbeit leisten. Im Sinne von „Learning by doing“ wird den Kids nichts über die Feuerwehr erzählt, sondern Mittel (Ausrüstung, Personal etc.) bereitgestellt, damit diese eigene Erfahrungen zum Thema Feuerwehr machen können. In Birmingham hat schließlich die Tatsache, daß während eines Feuerwehreinsatzes Jugendliche die Feuerwehrleute tätlich angegriffen haben, zur Idee der Einrichtung von festen Jugendgruppen und zur Gründung der ersten Gruppen Ende der achtziger Jahre geführt.
Entsprechungen zur hiesigen Situation lassen sich durchaus finden: während hier die Nachwuchssicherung das primäre Motiv ist, ist es dort die Öffentlichkeitsarbeit. Die Nachwuchs-Funktion hierzulande führt dann allerdings zur Verbreitung der Jugendfeuerwehr vor allem im ländlich strukturierten Raum, während der Öffentlichkeitsarbeits-Aspekt auf der Insel zur Gründung der ersten Gruppen in städtischen Gebieten geführt hat.
Zwei Gesichter der Jugendfeuerwehr
Hauptarbeitsfeld der Jugendfeuerwehren ist die Durchführung des Jugendprogramms. Auf der einen Seite werden für den Bereich „Dienst“ (Service) die schon erwähnten Ausbildungskurse angeboten, andererseits die für den Teil „Expeditionen“ notwendigen Arbeiten geleistet, von Fall zu Fall gibt es Aktionen für die beiden anderen Bereiche „Interessen“ und „Sport“. Viele jugendliche Betreuer bringen ihre Tätigkeit in der Gruppenleitung als Ausbildung einer gruppenpraktichen Fertigkeit in den Bereich „Interessen“ ein.
Da für die Feuerwehrtechnik bis auf Ausnahmen des hauptamtliche Feuerwehrpersonal, für den Rest die ehrenamtlichen Leiter zuständig sind, läuft das Ganze auf eine mehr oder weniger strikte Zweiteilung der Jugendfeuerwehrarbeit hinaus. Auf der einen Seite die mit viel formellem Drill durchwachsene Feuerwehrtechnik, auf der anderen Seite die vor allem die verschiedensten Outdoor-Aktivitäten umfassende sehr qualifizierte Jugendarbeit. Auch hier drängt sich ein Vergleich natürlich sofort auf: mit der (bei uns Gott sei Dank nicht mehr aktuellen) Unterteilung der Jugendfeuerwehrarbeit in „Feuerwehrtechnik“ auf der einen und der sogenannten „allgemeinen Jugendarbeit“ auf der anderen Seite. Die zu Jugendfeuerwehr-Urzeiten geschaffene Unterscheidung zwischen dem „Jugendfeuerwehrwart“ als dem feuerwehrtechnischen Statthalter des Kommandanten und dem „Jugendgruppenleiter“ als dem Sachverständigen in puncto Jugendarbeit trifft die Situation in England recht genau.
Die Unterstützung der Feuerwehr besteht zum einen in der mehr als großzügigen Überlassung von Räumen für die Gruppenarbeit. Die Delegation aus Baden-Württemberg konnte sich hiervon ein Bild aus erster Hand machen, da sie für die Dauer ihres Aufenthaltes im Domizil der Jugendfeuerwehr Dudley untergebracht war (das dann fast ein Raub der Flammen geworden wäre...). Außerdem werden Schutzkleidung und Uniformen zur Verfügung gestellt. Um weitere Mittel, so z.B. für die Beschaffung der Outdoor-Ausrüstung (Rucksäcke, Kocher, Zelte, Kletterzeug,...) müssen sich die Gruppen selbst kümmern, ebenso wie um die Finanzierung der teilweise recht aufwendigen Expeditionen (Gruppen waren z.B. schon in Australien!). Gegebenenfalls werden von der Feuerwehr Transportfahrzeuge zur Verfügung gestellt, in denen wesentlich mehr Personen als in unseren Feuerwehrbussen (MTW) Platz haben. Ein beliebtes Mittel für das „Fundraising“ sind samstägliche Autowaschaktionen, bei denen Supermärkte den Platz zur Verfügung stellen und die Kids dann für einen bestimmten Festbetrag zig Fahrzeuge auf Hochglanz bringen.
Begegnung mit Land und Leuten
Genauso interessant wie die vielen Fachgespräche und Vorführungen zu Feuerwehr und Jugendfeuerwehr war die Begegnung mit Land und Leuten. Dudley selbst und natürlich Birmingham selbst, die zweitgrößte Stadt des Landes haben einiges zu bieten, was auch einen mehrwöchigen Aufenthalt bestimmt nie langweilig werden läßt (allein das Kanalsystem ist eine Reise wert). Oder, mitten im „schwarzen Herz Englands“, das „Black Country Museum“, ein Freilichtmuseum, das auch die Schattenseiten der Industrialisierung im vorigen Jahrhundert ungeschminkt präsentiert. Die Teilnahme der Besuchergruppe an einer Unterrichtsstunde im alten viktorianischen Stil wird der Lehrerin, die in stilechter Umgebung wirklich das Beste gab, sicher lange in Erinnerung behalten („Behave!“ war ein häufig zu hörendes Wort).
Besonders aber die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Freunde aus Dudley und Birmingham war es, was die Freizeit zu wirklich gelungenen Sache machte. Vielen wäre an dieser Stelle zu danken, deshalb sei hier stellvertretend für alle die liebe Steph genannt, die man ja schon aus Sestola kannte (HYDRANT-Leser aus Nr. 2/95), und die sozusagen das „i-Tüpfelchen“ auf dem Programm war (dies ganz objektiv; daß sie auch ganz extreme Fans in der Gruppe hatte, soll hier nicht verschwiegen werden). Die Freizeit war sicher ein Meilenstein in der noch jungen Partnerschaft; thank you, english friends!



