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Israel 2000: Tagesprotokolle zum Fachkräfteaustausch

von Klaus Vogel

Textnummer: 088902

Erstellt am 2007/10/20, zuletzt geändert am 2008/09/02

Diese persönlichen Notizen wurden von Klaus Vogel während seines ersten Israel-Aufenthaltes verfasst. Sie wurden für die Veröffentlichung geringfügig gekürzt, geben aber seine damaligen persönlichen Erlebnisse, Empfindungen und Gedanken ausführlich und ungeschminkt wieder. Die Ausführungen erheben naturgemäß weder einen Anspruch auf Richtigkeit noch auf Objektivität.

Diese persönlichen Notizen wurden von Klaus Vogel während seines ersten Israel-Aufenthaltes verfasst. Sie wurden für die Veröffentlichung geringfügig gekürzt, geben aber seine damaligen persönlichen Erlebnisse, Empfindungen und Gedanken ausführlich und ungeschminkt wieder. Die Ausführungen erheben naturgemäß weder einen Anspruch auf Richtigkeit noch auf Objektivität.

Vorabend – Donnerstag, 27.07.2000

Das „just for fun“ kurzfristig per E-Mail anberaumte Treffen im „i-Punkt“ erweist sich als Hit. Bereits um 20.00 Uhr sind so viele Projektteilnehmer anwesend wie in keinem der beiden anderen Vortreffen. Erstmals dabei sind Roland und Marion Burger von der „Erwachsenengruppe“, aus dem Norden ist Irina bereits früher mit dem Zug angekommen, später trifft auch Tony ebenfalls per Bahn ein. Auch die beiden Gruppenleiter Frank und Katharina sind da, nur Schulzi und die beiden Sinsheimer fehlen, sie werden morgen direkt in Frankfurt anreisen.

Das versprochene Detailprogramm aus Israel ist immer noch nicht eingetroffen, so dass nur letzte Unklarheiten besprochen werden, z.B. bezüglich der Frage „Schlafsack oder Bettwäsche“. Ich persönlich hatte mich kurz zuvor beim Packen (19.00 - 19.30 Uhr) aus Gewichtsgründen für den DAV-Innenschlafsack entschieden. Außerdem nochmaliger Verweis auf die Geschenke für die Gastfamilien. Ich habe es da mit dem „eigenen“ Wein relativ leicht, aber was wird sonst noch alles für die „offiziellen Anlässe“ benötigt? Auf alle Fälle habe ich die Geburtsurkunde und anderen Papiere von Avi eingepackt, deutsche und internationale Handbücher. Schade, dass wir die „Kurt-Hahn-Medaille“ noch nicht haben! Roland hat jedenfalls eine ganze Tasche voll „Material“ dabei – Bildbände, Stadtwappen etc. Ich verteile die Tickets, die eigentlich keiner haben will.

Mit Roland Burger unterhalte ich mich nochmals über die Frage der Städtepartnerschaft, die Alfe Menashe, der Wohnort von Aviva, mit Osterburken eingehen will. Dies ist aus unserer Sicht höchstens eine langfristige Option, da es schon schwierig genug ist, die Beziehung mit Hondschoote, in der wir ja ebenfalls sehr aktiv sind, mit Leben zu füllen. Ich berichte, dass der Stadtjugendring zu einer Partnerschaft mit der dortigen Jugendarbeit bereit ist. Damit stehen wir in dieser Angelegenheit zumindest nicht mit leeren Händen da und müssen ein gut gemeintes Angebot nicht einfach abschlagen.

Bevor es zum Essen und Abschlussbier  in den „Bahnhof“ geht, stehen im Büro noch letzte Arbeiten an. Das Regierungspräsidium Tübingen braucht dringend Unterlagen, u.a. zum Finnen-Besuch – und wir Geld, da wegen der hohen Flugrechnung das Konto erstmals nahezu leer ist. Eigentlich sollte heute auch die Steuererklärung noch fertig gestellt werden, die muss nun halt bis zur Rückkehr aus Israel warten.

 

Erster Tag – Freitag, 28.07.2000

Wie alle sind wir (Irina, Katharina, Klaus, Tony) mit dem Fiesta pünktlich um 05.30 Uhr am GTO-Busparkplatz, die Kids praktisch alle mit kompakt gepackten Rucksäcken, sie haben bei unseren Aktionen etwas gelernt. Die anwesenden Eltern sind recht fröhlich – haben sie überhaupt alle registriert, in welches Abenteuer sie ihre Kids ziehen lassen?

Nur einer fehlt – Rainer! Hat er etwa den Kontrollruf am Handy deshalb nicht abgenommen, weil er noch geschlafen hat? Oh je... Helle erkundet die Situation vor Ort und bestätigt schon kurz darauf per Handy meine Vermutung. Das fängt ja gut an! Aber, „shit happens“, und Rainer hat mich ja auch schon oft genug geweckt, zuletzt vor Vorstandssitzung in Kassel. Also: cool bleiben (wenn das heute nur so einfach wäre!), es gibt Schlimmeres. Wir drehen schon einmal den Bus und fahren in die Schulstraße hinein, wo uns die beiden auch schon entgegeneilen. Einsteigen, kurze Begrüßung, jetzt kann es endlich losgehen!

Die Fahrt verläuft ohne weitere Zwischenfälle, früher als erwartet sind wir noch vor 08.00 Uhr in Frankfurt am Flughafen. Über Telefon erfahre ich, dass auch die Sinsheimer eben eingetroffen ist und nur noch einen Parkplatz suchen. Kurz darauf ist unsere Reisegruppe erstmals komplett, alle 21 Teilnehmer von „Israel 2000“ anwesend.  Beim Einchecken wird deutlich, dass wir ein besonderes Reiseziel ausgewählt haben – wir müssen mit allem Gepäck zum Abflug-Gate. Dann werden noch ein paar Geschenke gekauft (Mozartkugeln und andere Schleckereien sind „in“, da es in keiner der Buchhandlungen im Innenbereich englische Literatur über Deutschland oder die nähere Heimat gibt.) Dann noch ein Cola und ein Bier, und schon ist „boarding time“.

Der Flug verläuft zunächst „holpriger“ als erwartet, solche Turbulenzen habe ich in unserer Gegend noch nicht erlebt. Der Science-Fiction-Film (?) ist okay, die Truppe taut allmählich auf. Auch Rainer hat sich vom morgendlichen Stress erholt und scheint sich ganz wohl zu fühlen. Er und Helle haben ja wirklichen Urlaub vor sich, sie wollen zwei Wochen länger bleiben und in Ägypten Tauchen gehen. Die Flugtickets wollen sie von Israel aus verlängern. Ich selbst habe ein etwas laues Gefühl im Magen und bin mehr mit mir selbst beschäftigt. Was, wenn uns in Tel Aviv niemand in Empfang nimmt? Der Gedanke ist zwar absurd, kommt aber immer wieder - die „unendliche Geschichte“ der Vorbereitung hat offensichtlich beim Verantwortlichen ihre Spuren hinterlassen... Wir füllen unsere Visaanträge aus, und schon wird gelandet. Wir sind in Israel.

Wir merken dies beim Aussteigen aus dem Flugzeug sofort, hier ist richtig Sommer. Mit dem Bus geht’s zum Gebäude, wo eine riesige Menschenschlange vor der Passkontrolle wartet. Zunächst geht es nur im Schneckentempo vorwärts, da nur wenige Schalter geöffnet sind. Doch nach einiger Zeit ändert sich das, und wir nähern uns schneller als erwartet dem strengen Blick der ersten „Offiziellen“. Von Aviva ist noch nichts zu sehen, auch nicht nach der Gepäckannahme, die ebenfalls rasch vor sich geht. Roland, Marion und ich haben keine Ruhe und machen uns schon mal auf den Weg zum Ausgang. Und da sind sie denn auch, unsere Freunde! Aviva, die mich von Fotos her kennt, begrüßt mich überschwenglich, außerdem Hell, einer von Franks arabischen Kumpels, sowie Moshe, ein Mitarbeiter des Bürgermeisters von Alfe Menashe.

Aviva begrüßt uns alle sehr herzlich und teilt mit, dass die beiden Gruppen bereits jetzt getrennt werden. Treffen werden wir uns wieder am Dienstag zum gemeinsamen Ausflug nach Jerusalem und dann ab Mittwoch in Akkon im „Marine-Camp“, in dem die „Jugend“ bereits am Sonntag eintreffen wird. Aviva wird bis Sonntag bei uns „Alten“ sein – und überraschenderweise auch Frank und Katharina. Ich hatte ihnen kurz zuvor noch die „grünen“ Teilnehmerlisten (sie waren dieses Mal gelb) zum Ausfüllen sowie eine Liste aller Gruppenmitglieder übergeben... Die Kids also zwei Tage ganz alleine! Wo? Aviva erklärt, dass sie immer zu zweit oder zu dritt in Esams Gebiet in arabischen Gastfamilien untergebracht sein würden, wir sieben in Alfe Menashe in jüdischen. Irgendwie habe es mit der Unterbringung von Frank und Katharina Probleme gegeben, deshalb seien diese zunächst bei uns. Jedenfalls sind die Kids die nächsten Tage auf sich gestellt, ich wische mir den Schweiß von der Stirn.

Mit neun Personen und Gepäck für sieben sitzen wir im Minibus wie die Ölsardinen. Gut ist, dass die Klimaanlage funktioniert – nicht auszudenken, wie es ohne sein würde. Wir fahren nach Norden Richtung Alfe Menashe und erfahren von Aviva und Moshe weitere Details zum Programm. Rainer, Tony und Katharina seien einzeln untergebracht, die Burgers zusammen (beim Bürgermeister?) und ich mit Frank bei Aviva. Zunächst sei Termin im Rathaus, anschließend Zimmerbelegung, abends würden sich dann alle und viele Gäste bei Aviva zum Sabbath-Vorabend treffen. Auch Nathan und Yehuda würden kommen. Das hört sich gut an! Weniger ergiebig, auch in der Folgezeit, sind unsere Fragen zu den Siedlungsgebieten. Liegt Alfe Menashe nun auf israelischem Gebiet oder nicht? Als wir unser Ziel nach mehreren Kontrollen erreichen, sehen wir, dass es zumindest eine jüdische Stadt ist, eine nagelneue und reiche dazu. So eine neue Stadtanlage mit durchgehend noblen Häusern habe ich bei uns noch nicht gesehen. Die nächste Frage, ob die wir bis zum Schluss ebenfalls keine schlüssige Antwort erhalten, tut sich auf: Wie wird das alles bezahlt?

Im Rathaus werden wir sehr freundlich empfangen, Reden gehalten („Partnership“!) und erste Geschenke ausgetauscht. Wir haben das Gefühl, nicht nur wichtig genommen, sondern echt aufgenommen zu werden, die Warnungen aus London („Lass die Finger davon, Klaus!“) erweisen sich endgültig als blanker Unsinn (später mehr dazu, v.a. zu Shirley Price). Roland und ich erläutern unsere Sicht der Zusammenarbeit auf kommunaler und nationaler Ebene. Wir scheinen problemlos verstanden zu werden. Es folgt die Einquartierung bei Aviva, wo wir die ganze Familie einschließlich der „tanzenden Ruth“ kennenlernen und mit Essen voll gestopft werden. Dann mache ich mit Frank trotz der abendlichen Hitze noch einen kleinen Rundgang – endlich etwas Bewegung und für einen Moment heraus aus dem Geschehen. Danach wieder Essen, und schließlich treffen immer mehr Gäste des Abendtreffens ein. Darunter auch Nathan Wolloch mit Anhang – Yehuda Erel wegen Krankheit allerdings leider nicht.

Das jüdische Freitag-Abend-Treffen erweist sich schnell als eine sehr gute und wenig förmliche Sache. Jeder Gast hat etwas zu Essen mitgebracht, und nach dem Avivas Mann aus der Bibel vorgelesen und jeder aus einem Kelch etwas zu trinken bekommen hat, machen wir uns alle (mehr als 30 Personen!) über die Leckereien her (nur Rainer nicht, der zuerst bei seiner Gastfamilie dinieren muss und erst viel später, als die meisten schon wieder weg sind, zu uns stößt). Katharina hat Lijad, die Tochter ihrer Gastfamilie, die sie noch Sde Boker her kennt, mitgebracht, und bald sind wir – wie immer – alle an ganz verschiedenen Tischen ins Gespräch vertieft. Ich lerne eine Menge Leute kennen, darunter ein Mädchen aus LA, und die unterschiedlichsten politischen Ansichten. Auch die jungen Leute scheinen zu ihrem Staat und ihren Verpflichtungen zu stehen, aber irgendwie „nüchterner“ als ihre Eltern. Lijad meint, sie müsse Frank und Katharina noch ins Pub entführen, die dann mehr oder weniger gezwungen mitgehen. Dabei ist die Stimmung fabelhaft und ungezwungen, und das Bier gut. Mit Franks Hilfe wird die „grüne“ (gelbe) Liste für den Fachkräfteaustausch ausgefüllt.

Denn ganzen Tag über kann ich das „System Aviva“ bewundern. Hauptinstrument ist das Handy, das von morgens bis abends praktisch pausenlos im Einsatz ist. Sie scheint überhaupt keine Strukturen und Arbeitsteilung um sich zu haben, sie macht einfach alles. Dazu, wie wir sehen können, auch noch den Haushalt! Jetzt weiß ich, warum wir bis heute kein schriftliches Programm haben.

 

Zweiter Tag – Samstag, 29.07.2000

Nach wochenlanger Hektik, einem anstrengenden, aber gelungenen ersten Tag und einer weiteren kurzen Nacht stehe ich am „jüdischen Sonntag“ erst spät um 09.00 Uhr auf, die ersten beiden Tagesprotokolle sind im Timer, den ich ständig dabei habe, bereits festgehalten. Soweit ich weiß, steht sowieso nur um 11.00 Uhr ein Schwimmbadbesuch mit anschließendem Mittagessen auf dem Programm, abends sollen wir dann Esam besuchen. Genau das Programm, das ich brauchen kann (übrigens auch Aviva, die, wenn sie nicht gerade telefoniert, ständig mit Vorbereitungsarbeiten für das Seminar in Akkon beschäftigt ist).

Nach dem ausgiebigen Frühstück geht es also in den „Club“ ins Schwimmbad. Es ist noch heißer, als ich erwartet habe, und die Sonnencreme brennt bald in den Augen. Ich stelle fest, dass ich Hut und Handy vergessen habe, und fahre mit Aviva zurück, die ihren Sohn abholt. Statt Christine, der ich zum Geburtstag gratulieren will, erreiche ich zunächst nur Karsten: „Mutter schafft!“ Die Stimmung ist sehr gut, Tony macht seine berühmte Äußerung „Aviva, you are a fish!“, und Frank und Rainer machen beim Schwimmen die erste Damenbekanntschaft. Beim Mittagessen um 14.00 Uhr wird sogar Fassbier gereicht, ich bin wegen der Hitze allerdings sehr vorsichtig. Trotzdem genieße ich die anschließende „Siesta“ bis 17.00 Uhr in vollen Zügen, d.h. ich schlafe auf dem Bett beim Schreiben sofort ein.

Anschließend machen Frank und ich die erste Bekanntschaft mit einem PC unter hebräischem Betriebssystem. Wir sollen für Aviva das Programm für das Camp in Akkon schreiben und ausdrucken, das bisher nur in einer hebräischen Fassung vorliegt. Zwar kann man auf einen englischen Zeichensatz umstellen, aber das Word-Lineal läuft immer noch von rechts nach links. Statt Word benutze ich schließlich das Internet und schreibe mir einem Web-Mail-Editor eine E-Mail. Das sieht schon ganz schön aus, allerdings steht an diesem Rechner kein Drucker zur Verfügung. Also doch wieder in Word kopieren – das wieder alles umkehrt – abspeichern, Rechner im Büro starten, Word starten, Text laden, ausdrucken, fertig – und das alles hebräisch. Wir werden wie Götter bestaunt.

Mit leichter Verspätung machen wir uns deshalb kurz nach 19.00 Uhr auf den Weg zu Esam in die arabische (aber alte israelische!) Siedlung Teipe, wo wir vielleicht auch das eine oder andere unserer Kids zu Gesicht bekommen werden (meint zumindest Aviva). Bei der Fahrt müssen wir einmal mehr das Spiel „Siedlung erkennen“ spielen – jüdisch oder arabisch. Inzwischen sind wir aber fit, und machen keine Fehler mehr, zu deutlich sind die Unterschiede bei Häusern (arabisch: meist vierstöckig für die Großfamilie, Straßen meist nicht befestigt). Ob israelisch oder palästinensisch, fragen wir schon lange nicht mehr, da die Antwort vom politischen Standort des Gefragten abzuhängen scheint.

Esams Haus entpuppt sich als sehr noble Villa, ihm und seiner Familie scheint es wirklich gut zu gehen. Im Garten ist alles für ein weiteres großes Abendessen vorbereitet, es fehlt an nichts. Wir werden von den Nachbarkindern regelrecht bestaunt, Besuch aus dem jüdischen Nachbarort (Ruth meinte, niemand aus ihrem Bekanntenkreis würde überhaupt auf die Idee kommen!) oder gar aus dem Ausland scheint etwas Außergewöhnliches zu sein. Auch der Bürgermeister der 30.000-Seelen-Siedlung macht seine Aufwartung. Er ist sympathisch, tritt sehr selbstbewusst auf und erzählt, dass er kürzlich mit einer israelischen Regierungsdelegation in Syrien gewesen ist. Ich unterhalte mich mit ihm länger über das Camp-David-Treffen. Er sieht die Gespräche positiv, vor allem weil das bisherige Tabuthema „Jerusalem“ dadurch endlich in die öffentliche Diskussion gerückt sei. Er erklärt mir, dass Teipe zwar arabisch, aber defintiv israelisch sei. Auf meine Bemerkung, dass es Geographielehrer hierzulande ganz schön schwer hätten, entgegnete er schmunzelnd: „Überhaupt nicht. Sie wissen ja, wer sie bezahlt.“

Plötzlich fahren auch Schulzi und Kristin mit ihrem arabischen Betreuer Helal vor. Zumindest die beiden sind also noch am Leben – und wie! Sie erzählen begeistert von ihren „arabischen Nächten“ (z.B. durften sie an einer Hochzeit teilnehmen und waren in Tel Aviv!), der Gastfreundschaft ihrer Familie und wie toll überhaupt die ganze Unternehmung bisher sei. Wenn die Stimmung der anderen nur ein Bruchteil dieser Euphorie beträgt, kann ich mehr als zufrieden sein... Meine Begleiter scheinen sich auch alle sehr wohl zu fühlen, insbesondere Roland und Marion sind begeistert. Irgendwann einmal erreiche ich auch Christine am Telefon, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Von Jutta erfahre ich, dass Harald Nachwuchs bekommen hat – nach dreißig Jahren der erste Junge in der Familie.

Nach dem „trockenen“ arabischen Abend warten bei Aviva für Frank und mich noch je zwei kühle Bierchen, die wir zum Abschied miteinander trinken, am Fernsehen läuft irgend einer der „Rocky“-Filme (UdSSR und so). Er und Katharina werden morgen mit Aviva und der Jugendgruppe nach Akkon ins Marine-Camp fahren, während die fünf „Erwachsenen“ zunächst in Tel Aviv Station machen werden. Der erste Teil von „Israel 2000“ ist viel zu schnell zu Ende, wenn das so weiter geht!

 

Dritter Tag – Sonntag, 30.07.2000

Die jüdische Arbeitswoche beginnt, und auch Frank und ich stehen schon früh fertig gepackt im großen Wohnzimmer. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Aviva erstmals ausführlich über ihre Arbeit und das israelische Jugendprogramm. Sie berichtet, dass sie keine Spesen für Telefon und andere Unkosten außerhalb ihres Büros erhalte, was bei ihrem Mann zu Recht auf Unverständnis stoße (auch bei mir). Als ich ihr „nur zum Anschauen“ ein deutsches Programmhandbuch schenke, erklärt sie mir, dass es in Israel noch gar keines gebe (deshalb also die Rede Avis von der „Jugendprogramm-Universität“ in Osterburken!). Sie erzählt von der kürzlichen „Review“ des Israel Youth Award durch das Weltprogramm und ist überrascht, als ich sage, dass ich den Bericht gelesen habe. Für sie ist wichtig, dass sie nun als nationale Koordinatorin wirklich etwas bewegen kann, unser Besuch sei ein Zeichen dieser neuen Möglichkeiten. Dann Treffen am Rathaus zur Weiterfahrt, dann treffen wir auch Rainer, der vom Fahrdienst vergessen wurde. Abschied und Fahrt nach Tel Aviv.

Von unserem Programm dort wissen wir nur so viel, dass wir zunächst im Rathaus von Nathan Wolloch, dem Ersten Stellvertretenden Bürgermeister und Vorsitzenden des Jugendprogramm-Nationalkomitees, empfangen werden sollen, und dass es dann ins „Museum der Diaspora“ gehen würde. Keine Ahnung vom Nachmittag, und erst recht nicht vom Montag. Diese Ungewissheit tut unserer Stimmung aber keinen Abbruch – bis jetzt hat sich bei „Israel 2000“ am Ende noch immer alles zum Positiven gewendet. Auf der Fahrt nach Tel Aviv lernen wir die berüchtigte „rush hour“ dieser Weltstadt kennen – unglaublich, wie viele Autos an so einem Montagmorgen in die Stadt wollen!

Am Rathaus treffen wir zunächst auf das Denkmal von Rabin, der auf der Treppe 199? ermordet worden war – wo man doch überall auf Geschichte treffen kann! Die Atmosphäre beim Gespräch, an dem auch der Bürgermeister von Alfe Menashe, Helfer Moshe sowie ein weiterer Israeli teilnehmen, ist nun noch entspannter und freundlicher als bisher schon. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie scheinen wir bei unseren neuen Freunden ganz gut anzukommen. Es sprechen Nathan, Roland, ich und Tony, und jeder trifft irgendwie den Nagel auf den Kopf. Als Nathan auf meine Frage hin erklärt, dass er sich in Zukunft auch ganz gut zwei jährliche Treffen vorstellen könne, weiß ich, dass der Durchbruch geschafft ist. Mir ist klar, dass ich Aviva noch vor der Abreise ein fertiges Konzept für 2001 vorlegen muss – Arbeit für den freien Nachmittag. Noch einmal werden Geschenke ausgetauscht.

Im Diaspora-Museum, das zur Universität gehört, lernen wir die unterschiedlichen Lebenswelten kennen, in denen Juden nach der Vertreibung durch die Römer im ersten Jahrhundert gewohnt und aus denen sie im letzten und in diesem Jahrhundert nach Israel zurückgekehrt sind. Eine große Hilfe ist uns dabei unsere junge und sehr überzeugte Führerin, die aus der Schweiz kommt und ganz bewusst das dortige angenehme Leben mit der harten israelischen Wirklichkeit vertauscht hat. Persönlich ist sie mir fast ein bisschen zu überzeugt, von irgendwelchen Zweifeln, die doch jeder vernünftige Mensch hat, spüre ich zu wenig. Wir wissen nun alles über die beiden „Hauptbereiche“ der Diaspora, die entsprechenden Unterschiede bei den Synagogen, jüdische Feste, die Rolle der Frau im Judentum und die Entstehung und Bedeutung des Talmud. Beim Hinausgehen lernen wir auch noch den stellvertretenden Museumsdirektor kennen, der uns zum Mittagessen „das beste italienische Lokal der Stadt“ empfiehlt. Ich bin zufrieden, die anderen auch. Beim Warten auf unseren Fahrdienst rufe ich Vater an und gratuliere ihm zum Geburtstag, er wird heute 77. Aviva berichtet am Telefon, dass alle Kids wohlbehalten in Akkon eingetroffen sind und das Lagerprogramm wie vorgesehen begonnen habe.

Vom Hotel, das direkt am Strand gelegen ist, machen wir uns in der sengenden Nachmittagshitze auf die Suche nach dem Lokal, das im „Handwerkerviertel“ irgendwo zwischen dem Hotel und Jaffa gelegen ist. Wir werden auch fündig und sind trotz der Vorschusslorbeeren überrascht von dem, was uns da geboten wird. Ich bin eigentlich schon nach den Vorspeisen (Buffet!) satt. Anschließend steht „Freizeit“ auf dem Programm. Ich erstelle auf meinem Zimmer einen ersten Entwurf für die beiden Begegnungsmaßnahmen 2001 einschließlich Terminen, anschließend setzen Rainer, Tony und ich uns in eine Kneipe neben dem Hotel zu einem lockeren Austausch über die bisherigen, mehr als eindrucksvollen Erfahrungen. Die „Burgers“ sind im Wasser. Abends fahren wir alle mit dem Bus ins arabische Jaffa und machen zum ersten Mal richtig Party, von wo es mit Taxis wieder zurück ins Hotel geht.

 

Vierter Tag – Montag, 31.07.2000

Um 07.45 Uhr starten wir zu unserem ersten Ausflugstag nach Süden (später biegen wir nach Osten in die Berge ab) in Richtung und Masada / Totes Meer. Auf der Fahrt steigt irgendwann überraschend ein weiterer Israeli hinzu – Itzig Ben-Avi, Regionalkoordinator wie früher Avi. Unser Gefährte, mit dem wir uns schnell anfreunden, erweist sich als äußerst sachkundig in Bezug auf Land und Leute (und natürlich den „Israel Youth Award“). Unser Trip wird deshalb zu einer Studienfahrt in Sachen israelische Geschichte und Gesellschaft – von den Taten des König Herodes bis zu den Bauplatzpreisen in seiner Heimatstadt Shoham gab es nichts, auf das Itzig nicht eine Antwort gehabt hätte. Einmal mehr erklärt man uns die Unterschiede zwischen arabischen und jüdischen Siedlungen, die wir inzwischen aber auf den ersten Blick richtig identifizieren können.

Das Spektrum der Kulturen wird jetzt, wir nähern uns der Wüste, durch Beduinendörfer erweitert, die ebenfalls leicht zu erkennen sind. Wir machen auch in einer Siedlung halt, die ihr Geld mit Touristen verdient. Die Hintergrundinformationen über die Erfolge der Ansiedlungspolitik kommen uns etwas „regierungsoffiziell“ vor, andererseits verschweigt Itzig nicht die Probleme, die es inzwischen mancherorts durch radikale Muslims bei der früher treu zum israelischen Staat gestandenen Volksgruppe gäbe. Jedenfalls lernen wir die Probleme, die wir im letzten Jahr mit „unseren“ Beduinen in Deutschland hatten, besser verstehen – diese jungen Leute kommen wirklich aus einer ganz anderen Welt!

Itzig berichtet von einem Jugendaustausch im Lake District, aus dem er gerade zurückgekommen ist, und an dem auch zwei (?) Beduinen teilgenommen haben. Als bei einer Tour in einsamer Wildnis plötzlich Schafe auftauchten, habe er das Blitzen in den Augen der beiden Schützlinge gesehen, die dann auch mit einer „typischen Handbewegung“ verstohlen nachgefragt hätten, ob man nicht ein Tier für das Abendessen verwenden könnte. Ihm sei nichts anderes übrig geblieben, als ein Schaf zu kaufen und schlachten zu lassen – die Beduinen hätten sich sonst möglicherweise selbst beholfen.

Als ich erzähle, dass wir uns bei einem unserer „Highlands“-Projekte für unsere jordanischen Teilnehmer ebenfalls als Schafeinkäufer betätigt hätten (allerdings nicht bei der Expedition, sondern für den „jordanischen Abend“ in der vornehmen „Rannoch School“), fragt mich Itzig, ob wir auch „Probleme“ mit den arabischen Teilnehmern gehabt hätten. Ich erkläre ihm, dass in Schottland nun schon zum zweiten Mal die Integration von arabischen und insbesondere muslimischen Teilnehmern problemlos vonstatten gegangen sei. Da, wo Dinge geändert werden mussten – z.B. das „Einzelduschen“ der Mädchen – sei dies problemlos möglich gewesen. Itzig sagt, dass – auch gerade wieder bei seinem großen Sommercamp, das morgen vom Erziehungsminister besucht werden würde – vor allem die Besuche von Mädchen im Leiterzelt problematisch seien, eine für uns alle neue Erfahrung.

Nach einer zum Schluss heftigen Serpentinenfahrt durch die Wüste – mir ist speiübel! – erreichen wir schließlich Masada. Am Fuß der „Römerrampe“ decken wir uns an einem Kiosk („Merchandising“ kennt man hier auch...) nochmals mit Wasser ein, und dann geht es bei 42 Grad hoch auf die Ruine. Rundgang und Informationen sind beeindruckend: das war also der letzte Fleck „freies Israel“! Wir genießen die Aussicht (nach Osten zum Toten Meer und nach Jordanien). Beim abschließenden Besuch der Zisternen mache ich allerdings nicht mehr mit, mir ist noch schlechter als beim Aussteigen aus dem Bus. Kurz darauf, ich bin wieder fit, geht’s mit der Seilbahn hinunter auf die Ostseite, wo der Bus bereits wartet.

Nun steht noch „Baden im Toten Meer“ auf dem Programm, was wir alle mit Genuss tun. Ich halte mich nur kurz im Wasser auf – die Sonne ist einfach zu unerbittlich, und ein Sonnenbrand holt man sich bei diesen Temperaturen sehr schnell. Anschließend gehen wir in einem Lokal Essen und unterhalten über Masada, jüdische Geschichte und die Gebietsabtretungen an den Arafat-Staat.

Die Rückfahrt führt dann am Toten Meer entlang an Jericho vorbei (Itzig zeigt mir das große Kasino, das von weitem zu sehen ist) in die Heimatstadt von Itzig. Wir unterhalten uns über die Perspektive unseres Jugendaustauschs, in den sich Itzig gerne mit seiner Stadt einklinken möchte. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Vorschlag bei Aviva , den Freunden von Alfe Menashe und Esam auf Gegenliebe stoßen wird. Für uns wäre es gut, eine Basis auch in diesem Landstrich mit seinen Sehenswürdigkeiten zu haben, und immerhin gibt es bei der Talstation der Seilbahn eine Jugendherberge. Itzig möchte uns in sein Haus zum Kaffee einladen, was aber leider nicht machbar ist, da unserer Fahrer zurück nach Tel Aviv muss. Deshalb hat das Schlitzohr uns gestern vom „Doppelprogramm“ Masada & Totes Meer abgeraten!

An Jerusalem vorbei kommen wir schließlich wieder im Hotel an. Duschen, Tagesnotizen machen, zwei Bierchen in der Stammkneipe, Essen im Pizza Hut (furchtbares Lokal!). Um 23.00 liege ich bereits im Bett, Halbzeit.

 

Fünfter Tag – Dienstag, 01.08.2000

Um 08.15 kommt Aviva mit dem großen Bus, unserer „Jugendgruppe“ und einigen meist weiblichen israelischen „Begleitern“ aus Akkon kommend am Hotel an. Zusammen geht es nach Jerusalem. Auf der Hinfahrt erhalten wir zunächst einmal ein ausführliches „Update“ zum bisherigen Verlauf des Jugendaustausches – bis auf Schulzi und Kristin haben wir unsere Jugendlichen seit der Ankunft am Flugplatz am Freitag ja nicht mehr gesehen. Alle schwärmen vom Aufenthalt in den arabischen Gastfamilien, selbst „Die Drei vom Friedenszelt“ (ein Abenteuer im Beduinendorf, über das an anderer Stelle berichtet wird). Die Präsentation sei sehr gut gelungen, das Programm etwas „vollgestopft“, so dass bisher wenig Zeit für Gespräche bleibe. An das frühe Aufstehen müsse man sich halt noch gewöhnen. Alles gehe etwas militärisch zu – ob wegen der Einrichtung (Seekadetten-Schule) oder weil Jugendcamps in Israel einfach so sind, wird die Zukunft zeigen. Wie schon im Vorjahr scheint übrigens die Verständigung mit den Arabern, trotz ihrer meist geringeren Englischkenntnisse, besonders gut zu funktionieren. Die Stimmung ist ausgezeichnet, und die ganze Truppe nutzt die Fahrt nach Jerusalem hauptsächlich zum Schlafen.

Bei der Fahrt lernen wir auch den 17-jährigen Benjamin kennen, der für Aviva im Lager und jetzt bei der Fahrt nach Jerusalem als Dolmetscher tätig ist. Benjamin ist in Hamburg geboren, Deutsch ist seine Muttersprache. Bei der Heirat hatten seine Eltern (Vater: berühmter israelischer Rechtsanwalt, Mutter: Deutsche) vereinbart, zunächst 15 Jahre in Deutschland zu leben, und dann nach Israel zu ziehen. So kam Benjamin vor zwei Jahren, wurde beschnitten (und die Mutter Jüdin, was eigentlich gar nicht geht) und begann, Hebräisch zu lernen, womit er an der einen oder anderen Stelle immer noch seine Probleme hatte, v.a. beim Lesen. Benjamin war ein weiteres Beispiel für die Internationalität der israelischen Gesellschaft und speziell ihres jüdischen Teils. Fast alle jungen Leute studieren irgendwo im Ausland oder haben dort irgendwo studiert, und nach der Militärzeit gehört es offenbar einfach dazu, sich längere Zeit in der Welt „herum zu treiben“.

Nach einem Essens-Stop bei einem Militärmuseum erreichen wir schließlich die „Heilige Stadt“. In Yad Vashem, das gerade erweitert wird, braucht der Großteil der Gruppe viel länger als erwartet, und alle erweisen sich als gut informiert. Insbesondere Jörg tut sich wieder einmal als „Israel-Kundiger“ hervor, auch unser Vorbereitungsseminar hat sich offensichtlich gelohnt. Beim Hinausgehen entdecken wir sogar den Baum von Oskar Schindler, den einige gerne sehen wollten. Dann Basar, Grabeskirche, jüdische Altstadt, römische Hauptstraße, Klagemauer – leider in sehr kurzer Zeit, die Gruppe muss ja abends wieder in Akkon sein. Von unserem Führer erfahren wir alles über die unterschiedlichen Haltungen der jüdischen Israelis zu ihrem Glauben, von den „Ultra-Orthodoxen“, die wir an der Klagemauer in Scharen treffen, bis zu den Areligiösen. Jörg erklärt uns die Vorstellungen, die die Juden vom Tempel als tatsächlichem „Wohnort Gottes hatten“ (für einen Neuntklässler kennt er sich wirklich gut aus!) Unser Führer antwortet auf meine Frage nach einem möglichen Wiederaufbau des Tempels, „Das muss Gott selbst machen“. Klar ist, dass ich wieder nach Jerusalem kommen muss, und ich fasse schon einmal die Herbstferien 2001 für einen entsprechenden Privatausflug ins Auge. Die Kids mokierten sich über zu wenig Freizeit in der Stadt – aber ich war froh, als alle wieder heil im Bus saßen.

Auf der Rückfahrt unterbreite ich Aviva meine Vorschläge zum Jugendaustausch im nächsten Jahr, für den Deutschlandbesuch auch gleich einen Programmentwurf. Beim Terminvorschlag für den Besuch in Israel habe ich Avivas Anregung, über Ostern zu kommen, aufgegriffen, als Besuchszeit für Deutschland schlage ich Anfang Sommerferien vor. Entsprechend der bei bisherigen Gesprächen und Verlautbarungen erkennbaren „Tendenz“ empfehle ich jeweils zweiwöchige Maßnahmen. Allein dieser Vorschlag bedeutet jährlich vier Wochen deutsch-israelische Jugendbegegnung, die damit in das Zentrum unserer internationalen Maßnahmen rücken würde! Außerdem biete ich an, in mehrjährigen Abständen bi- oder trinationale Lehrgänge für „junge Leiter“ durchzuführen, ggf. gekoppelt mit den Begegnungen, und damit 2001 in Deutschland zu beginnen. Und zu guter Letzt  offeriere ich ihr zunächst einen, dann zwei Freiplätze für unser Himalaja-Projekt – lediglich für die Flüge müssten die Israeli selbst sorgen.

Mir ist bei den Vorschlägen nicht ganz wohl. Einerseits scheinen die Israeli brennend an einer Ausweitung und Vertiefung der Beziehungen interessiert und auf Vorschläge von uns zu warten. Andererseits habe ich das Gefühl, dass sich die deutsche Seite bei der Durchführung der Maßnahmen wesentlich leichter tut und dass der „offizielle“ Status des Programms und die damit verbundene Abhängigkeit vom Staat  jedenfalls hier ein Nachteil ist. Da haben wir es in Deutschland, wo alle Ebenen vom ehrenamtlichen Engagement leben und es um den Programmkoordinator herum eine breite Schicht von möglichen Projektleitern gibt, wesentlich leichter. Aviva ist aber von den Vorschlägen begeistert und ist sich sicher, dass sie sich auch realisieren lassen!! Wir werden sehen. Ich bitte sie, jedenfalls den Termin für unseren Osterbesuch frühzeitig abzuklären, um nicht wieder Probleme mit den Flügen und v.a. deren Preisen zu bekommen. Als entscheidende Verstärkung sieht sie Alfe Menashe, und wir vereinbaren, uns gemeinsam um eine bessere Unterstützung durch Jugendfördermittel, z.B. „Jugend für Europa“, zu kümmern.

Bereits um 17.00 Uhr sind wir zu unserem letzten Abend in der „24-Stunden-Stadt“ Tel Aviv zurück. Notizen schreiben, letzte Bierchen beim „Nachbarn“ und dann geht’s zum Abendessen in das mongolische Restaurant in der Nähe. Dieses entpuppt sich als wahrer Glücksgriff – kurz eingewiesen durch unsere Bedienung und mit Hilfe kleiner Rezeptzettelchen stellen wir uns am Buffet die Zutaten für den Grill selbst zusammen, bis nach mehr oder weniger Durchgängen einer nach dem anderen erschöpft aufgeben muss. Spitze!

 

Sechster Tag – Mittwoch, 02.08.2000

Der zweitletzte Programmtag beginnt damit, dass wir mit Verspätung erst um 11.30 Uhr nach Akkon aufbrechen – wir hätten den Busfahrer doch nochmals anrufen sollen! Das komfortable Fahrzeug, mit dem wir vorgestern am Toten Meer waren, muss heute leider repariert werden, weshalb wir mit einem billigen Ersatz und auch mit einem anderen Fahrer auskommen müssen. So werden halt die Koffer auf dem Dach verladen, Erinnerungen an Belfast und Katmandu kommen auf.

Bei der Fahrt nach Akkon können wir ein weiteres aktuelles Phänomen der israelischen Gesellschaft (sofern von dieser angesichts der nach meinem Eindruck sich eher vergrößernden Distanz zwischen den beiden Hauptgruppen „Juden“ und „Araber“ überhaupt gesprochen werden kann – von der Palästinenserfrage ganz zu schweigen) kennen: das der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Überall sind kyrillische Schriftzeichen zu sehen, und russischsprachige Zeitungen gibt es zuhauf. Über eine Million sollen in den letzten fünf Jahren gekommen sein, auf deutsche Verhältnisse hoch gerechnet, wären das weit über zehn Millionen!!

Irgendwie kann ich die Zukunftsangst von Aviva und vielen anderen, mit denen ich gesprochen habe, verstehen. Ist nicht zu befürchten, dass dieses Land, das alle der ihm aufgezwungenen Kriege gewonnen hat, am Ende den Frieden verliert – weil es soweit ich sehen kann, nicht einmal den Hauch einer gemeinsamen Identität gibt? Der arabische Bevölkerungsanteil wächst viel schneller als der jüdische, und wird irgendwann einmal die Mehrheit darstellen – unabhängig davon, wie viele palästinensische „Homelands“ auch immer gebildet werden. Und dann? Wen immer ich gefragt habe, es gibt keine Vision, vor allem nicht unter den jungen Leuten.

Das Hotel für die nächsten beiden Nächte liegt wiederum am Strand und ist noch eine Spur edler als in Tel Aviv. Dass wir im Dreierzimmer logieren, ändert daran nichts, wir werden sowieso kaum Zeit dafür haben. Am Nachmittag holt uns Aviva zusammen mit Frank und Katharina ab, wir wollen Avis Witwe und Familie besuchen. In dem wiederum sehr gediegenen jüdischen Städtchen (wie die Leute das alles finanzieren – die Land- und Baupreise sind astronomisch! – ist eines der Rätsel, die wir nicht lösen konnten) haben wir zunächst Orientierungsprobleme, mit den allgegenwärtigen Handys wird aber auch dieses Problem schnell gelöst (mit dem Mietwagen möchte ich hier nicht unterwegs sein, solange ich nicht Hebräisch lesen kann). Am Ziel erwarten uns bereits alle, Roland überreicht die Geburtsurkunde von Avi sowie Geschenke und wir tauschen Erinnerungen aus. Dabei erfahre ich, dass Avis Vater aus dem Warschauer Ghetto ins KZ Auschwitz gekommen war – so persönlich ist hier Geschichte! Zum Schluss sprechen wir einen Besuch in Osterburken und Hohenstadt im September ab, dann begleitet uns Avis Sohn noch zum Friedhof und zum Grab seines in Deutschland geborenen und gestorbenen Vaters.

Dann besuchen wir zum ersten Mal das Camp und unsere Jugendlichen, wo wir auch gemeinsam Abend essen. Endlich treffe ich auf Shlomit, die wie viele unserer Bekannten als Gruppenleiterin eingesetzt ist, die Nichte des Außenministers Levy, der gerade zurückgetreten ist. Sie und alle anderen israelischen Freunde sind von der Idee, die Bande noch enger zu knüpfen, begeistert. Vor allem die Idee, internationalen Jugendaustausch auch für junge Erwachsene zu machen, finden sie gut – als Gruppenleiter komme man da nicht auf seine Kosten. Und für Nepal melden sich bereits die ersten Interessenten. Was haben wir da nur angezettelt....

Den Vergleich der israelischen jungen Leitern mit unseren finde ich sehr spannend, z.B. von Katharina und Shlomit. Da die (jüdisch)-israelischen Jungs und Mädchen, die alle drei bzw. zwei Jahre Militärdienst hinter sich haben – und nicht in einer „Spaßarmee“ (israelischer Kommentar) wie die Bundeswehr. Und dann sind sie bei allen Unterschieden doch wieder so gleich, vor allem abends beim Feiern. Auffällig ist, wie emanzipiert die Mädchen und Frauen sind. Ist dies eine positive Auswirkung des Armeedienstes?

Zwei unserer arabischen Freunde machen mit uns anschließend einen Rundgang durch das neue (jüdische) und alte (arabische) Akkon. Da die Zeit kurz und es schon spät ist (der Markt ist schon zu!), beschließen wir, morgen auf eigene Faust wieder zu kommen. Wir gehen nochmals ins Lager – Tony etwas länger – und dann zurück ins Hotel. Als Tony schließlich eintrifft, ist die Hotelbar schon dicht, er schafft es aber, dass diese wieder geöffnet wird. Bald gesellt sich eine Gruppe israelischer Jugendlicher zu uns, und es wird noch ganz lustig.

 

Siebter Tag – Donnerstag, 03.08.2000

Als wir um 10.00 Uhr im Lager eintreffen, geht der Lagerwettkampf gerade zu Ende. Die Israelis haben sich da wirklich tolle Sachen ausgedacht, alle sind begeistert!  Ein weiteres Gespräch mit Shlomit, die vor Heiserkeit kaum mehr sprechen kann, und machen wir uns auf nach Akkon zur ausführlichen Besichtigung.

Auf dem Rückweg treffe ich um 14.00 Uhr wieder im Lager ein, die anderen gehen zurück ins Hotel und an den Strand. Ich werde vom Leiter der Einrichtung empfangen und schaue noch ein bisschen bei der Segelregatta zu, die unsere „Landratten“ schließlich gewinnen. Und von wegen „safety first“, wie mir der Schulleiter sagte - gesegelt wurde teilweise jenseits der Grenze, und ein Schiff kenterte schließlich, was Aviva zurecht in helle Aufregung versetzte.

Ich werde dann in den Besprechungsraum gebeten, in dem nach und nach immer mehr wichtige Leute aus Jerusalem und Tel Aviv eintreffen – um 17.00 soll schließlich die große Abschlusspräsentation stattfinden. Dieses Mal scheint man es mit der Uhrzeit ernst zu nehmen, und ich informiere den Rest meiner Truppe von dieser Beobachtung, die dann auch pünktlich da ist.  Es dauert dann doch noch etwas.

Bei der Präsentation werden nicht nur Reden gehalten (u.a. Yossi, Avivas Boss im Unterrichtsministerium und Roland; Tony zum Himalajaprojekt), vor allem die Jugendlichen kommen mit Beiträgen zu Wort. Ich greife zum Schluss den Liedvortrag „Winds of Change“ auf und komme damit ganz gut an. Es werden Teilnehmerurkunden und ein letztes Mal Geschenke verteilt. Danach erneut Abendessen im Camp.

Auf Tonys nachdrückliche Empfehlung machen wir uns dann ein letztes Mal auf den Weg nach Akkon – Nargila-Rauchen im arabischen Café ist angesagt. Von dort kommen wir gerade rechtzeitig zum Beginn des „Spaßprogramms“ ins Lager zurück. Angesagt ist „Mitmach-Trommeln“, angeleitet durch eine Gruppe aus irgend einem Kibbuz. Alle trommeln, singen und tanzen begeistert mit. Natürlich auch Roland und Marion, die immer voll dabei waren und hervorragend ins Team gepasst haben. Danach machen wir uns auf den Rückweg ins Hotel, nur Tony bleibt noch. Geschafft!!

 

Achter Tag – Freitag, 04.08.2000

Mit einer Viertelstunde Verspätung rollt um 10.15 der Bus nach Tel Aviv an. „An Bord“ sind auch alle israelischen Jugendlichen und Leiter, die in der Region wohnen, und es ist am Anfang sehr eng. Viele Umwege und Abschiede sind nötig, und wir brauchen deshalb ziemlich lange, bis wir am Flugplatz sind, den wir aber um 14.00 erreichen. Ohne Aviva, die wir in der Nähe von Alfe Menashe in den verdienten Urlaub entlassen, und ohne Frank und Rainer, die noch länger bleiben und bereits von israelischen Freunden ins Gewahrsam genommen worden sind.

Etwas Stress beim Einchecken – was sagt man bei den Interviews, was nicht? – und viel schneller als bei früheren Besuchen ist die Prozedur erledigt. Letzte Einkäufe im „Duty Free“, die Schekel müssen ja weg, und schon ist wieder „Boarding Time“. Der Film – ein Krimi – ist nicht so gut wie beim Herflug, überhaupt ist die Stimmung etwas gedämpft. Das war doch viel zu kurz! Ich bin froh, dass alle gesund und munter sind, und rundum zufrieden. Nicht einmal ein notorischer Optimist wie ich (Zitat Jutta) hätte vor acht Tagen an sie einen Erfolg geglaubt.

In Frankfurt warten bereits die Matzker-Eltern, um die Sinsheimer Mädchen abzuholen, Tony fährt direkt mit dem Zug zurück. Auch unser Bus ist da (gut organisiert, Schulzi!), und bald rollen die Räder Richtung Heimat. Ich nutze die Fahrt für Einzelgespräche mit Katharina, die zusammen mit Frank die Sache hervorragend gemacht hat, und allen anderen Teilnehmer. Am GTO-Parkplatz warten die Eltern, die in den nächsten Tagen erfahren werden, in welches Abenteuer sie ihre Kinder haben ziehen lassen. Auch Katharina und ich haben einiges zu berichten.

Zum Abschluss trinke ich ein Bier ganz für mich allein.